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Evangelischer Kirchenkreis Südthüringen

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Andacht zum 23. August

Es gibt Tage, die brennen sich regelrecht in unser Gedächtnis ein. Meist sind sie verbunden mit große Entsetzen oder sehr großer Freude. Meine früheste Kindheitserinnerung ist die Ermordung J.F. Kennedys im November 1963, da war ich noch nicht einmal 2 Jahre alt. Aber wie entsetzt meine Mutter ins Zimmer kam und weinte, hat mich als kleines Kind regelrecht verstört. Ein solcher Tag war auch der 18. August 1976. Mein Vater betrat die Küche und war kreidebleich nach einem Telefonat mit dem Superintendenten, er sagte: „Oskar Brüsewitz hat sich heute selbst in Zeitz mit Benzin übergossen und angezündet. Er liegt mit lebensgefährlichen Verbrennungen im Krankenhaus. Wir müssen ihn in unser Gebet einschließen.“ Ich weiß noch genau, wie wir alle betroffen am Küchentisch saßen und niemand von uns Appetit hatte. Unser Gespräch kreiste immer wieder um den Gedanken: Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, sich selbst zu entzünden? 4 Tage später erlag Oskar Brüsewitz seinen schweren Verbrennungen. Mit seinem öffentlichen Suizid protestierte er gegen die Bevormundung und die Unterdrückung der Religions- und Meinungsfreiheit in der DDR. In den Medien der DDR wurde dieser Vorfall mit keinem Wort erwähnt, erst als die Tagesschau im ARD der BRD darüber berichtete, musste man sich äußern. Oskar Brüsewitz wurde posthum von den DDR Medien als Geistesgestörter, der „nicht alle fünf Sinne beisammenhabe“ verunglimpft. Die öffentlichen Schmähungen der DDR Diktatur zeigten, wie es bereits zu diesem Zeitpunkt im Land gärte. Einige junge Intellektuelle gaben ihrem Unmut über den posthumen Umgang mit Brüsewitz in einem öffentlichen Protestschreiben Ausdruck und wurden, zumindest für einige Tage, inhaftiert. Die Initiatoren des Briefes erhielten mehrjährige Haftstrafen! Wolf Biermann bezeichnete die Verzweiflungstat von Oskar Brüsewitz als „Republikflucht in den Tod“. Biermann hatte sowieso schon Berufsverbot, er wurde wenige Wochen später aus der DDR ausgewiesen. Vielleicht war dieser öffentliche Suizid einer der ersten Grundsteine für die friedliche Revolution 1989. Manchmal frage ich mich, was wird den Menschen über den Unrechtsstaat DDR in Erinnerung bleiben? In Gesprächen habe ich den Eindruck, dieser Staat wird immer schöner und besser geredet, als er war. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk schrieb das Buch „Freiheitsschock“. Er schreibt: „Auf Facebook feiern Tag für Tag Hunderttausende eine DDR, die es nie gab und die immer besser wird. Es ist frustrierend, das zu beobachten.“ Damit spricht er mir aus dem Herzen. Auch ich bin als junger Mensch sprichwörtlich gegen die Mauer gerannt: Erst war es nicht erwünscht, dass ich Abitur mache, dann wäre ich beinahe von der Uni exmatrikuliert worden, weil ich es wagte, in einer Marxismus-Leninismus-Vorlesung meine Meinung zu sagen, und als ich dann Jahre später meine Stasiunterlagen einsehen konnte, war das Grauen perfekt. Ich weiß jetzt, wer mich alles bespitzelt hat. Es gibt Momente, da schmerzt dieser Vertrauensmissbrauch noch immer. Ich danke Gott von Herzen, dass es meinen Kindern und Enkeln erspart geblieben ist, in diesem Käfig DDR leben zu müssen. Dass sie in einem freiheitlich demokratischen Land aufwachsen dürfen und ihnen alle Möglichkeiten offen stehen. Der öffentliche Suizid von Oskar Brüsewitz soll uns Erinnerung und Mahnung sein, diese Freiheit zu bewahren.

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