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Andacht zum 21. Juni: Das Cello auf dem Bahnhof

Ich steige aus dem Zug. Er hatte wieder eine seiner üblichen Verspätungen. Ein Herr in feinem Anzug schimpft lauthals über den Personenbeförderungsdilettantismus der Deutschen Bahn. Vielleicht ruft ihn einen wichtiger Termin oder eine Liebe, die er ungern verpasst. 

Plötzlich kommt ein dürrer Kerl auf mich zu. Er hat dunkle Ringe unter den Augen und trägt eine viel zu große Jacke. 

„Haste mal zwei Euro, Kumpel?“, fragt er mich. Die Stimme klingt nach einem Cello, auf dem jemand zum ersten Mal herumkratzt. 

„Kommen Sie, ich hole uns ein Frühstück!“, antworte ich. 

„Eigentlich brauche ich eher Geld“, sagt er enttäuscht. Aber ich gebe ihm keines. Er würde es vermutlich irgendeinem Rauschgötzen opfern. 

„Käse oder Wurst?“ frage ich.

„Kaffee und Salamibaguette“, sagt er. 

Wir setzen uns auf eine Bank und essen. 

„Die meisten Leute gehen vorbei, wenn ich sie anspreche“, sagt er. 

„Mache ich auch oft“, erwidere ich. „Manchmal hat man keine Zeit oder man mag einfach nicht. Und ihr seid auch ganz schön viele.“ 

„Zwanzig etwa hier im Bahnhofsviertel“, sagt er. „Manchmal auch dreißig. Warum gibst du mir kein Geld? Du hast doch sicher genug.“

„Weil du davon lebensgefährliches Zeug kaufen würdest.“ 

„Na und, wäre doch meine Sache!“ 

„Nein“, sage ich. „Eben nicht.“ 

Er schaut mich irritiert an. 

„Du hast gut Reden, Kumpel, hockst in deiner heilen Welt, hast irgendein Zuhause und bist zufrieden.“ 

„Meine Welt ist nicht heil.“ 

„Ach ja?“, sagt er. „Bei mir war sie genau ein Jahr, zwei Monate und vier Tage lang im Lot. Dann nicht mehr.“ 

„So genau weißt du das?“ 

„Natürlich, das war mein ganzes Leben und mein einziges auch.“ 

„Willst du davon erzählen?“, frage ich. 

„Nein, lieber nicht. Danke für das Frühstück! Es hat gutgetan!“ 

Er geht davon. Er nimmt seine Cellostimme mit. 

„Ein Jahr, zwei Monate und vier Tage im Lot, dann nicht mehr“ - ich hätte seine Geschichte gern gehört. Sie hätte es verdient. 

Am Markt lädt eine Kirche zu Kerzenlichtgebet und Stille ein. Im Vorraum hängt eine breite Tafel. 

Was Sie Ihren Gott schon immer mal fragen wollten“, steht dort in dicker Schrift. Daneben liegen Stift und Zettel. Ich schreibe: „Wo bist du, Gott der Schwankenden?“

Ich will das wirklich wissen, aber ich ahne SEINE Antwort schon im Voraus. Ich kenne ihn nun schon lange genug. 

„Ich war draußen auf der Straße“, wird ER sagen und SEINE Stimme wird nach Cello klingen.

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