Andacht zum 16. August: Na, da muss doch mal was Neues her
„Na, da muss doch mal was Neues her“, sagt meine Kollegin, als sie kurz vorm Gottesdienst einen Blick auf meine Mappe wirft. Verdenken kann ich`s ihr nicht. Ein Schmuckstück ist die Mappe nicht mehr - mit ihren abgewetzten Ecken und den kleinen Schrammen hier und da im schwarzen Einband. Und doch will ich mich nicht von ihr trennen. Wie mein Talar begleitet sie mich schon viele Jahre in meinem Beruf. Unzählige Gottesdienste habe ich mit ihr bestritten: Taufen, Trauungen, Bestattungen, Kirmesgottesdienste, Jubelkonfirmationen. So viele Predigten zu unterschiedlichsten Anlässen fanden und finden in ihr Platz. Für mich ist klar: Die Mappe hat Charakter. Ihre Gebrauchsspuren erzählen von dem Weg, auf dem sie mich begleitet hat. Wegwerfen? Geht nicht!
An diese Mappe musste ich spontan auf einem Konzert denken.
Der britische Gitarrist und Sänger David Gilmour (Pink Floyd) spielte in Rom und tauschte zwischen den Liedern mehrfach die Gitarren. Ich war wirklich berührt, als neben den makellos aussehenden Instrumenten auch seine sichtbar in die Jahre gekommene E-Gitarre (die Fender Esquire „Workmate“? - Ich bin da keine Expertin, aber für Hinweise dankbar!) zum Einsatz kam. Hier war der Lack schon lange ab und an etlichen Stellen waren zum Teil starke Gebrauchsspuren zu erkennen. Und doch strahlte keine andere Gitarre an diesem Abend so eine Atmosphäre aus wie diese. Wahrscheinlich waren sogar einige der alten und neuen Hits auf genau diesem Instrument entstanden?
Und während ich mit 18.000 Menschen im Chor „Shine on you crazy Diamond“ schmetterte, dachte ich: Vielleicht ist genau das eine gute Art, das Leben zu betrachten: Das Neue und Frische begrüßen und sich daran erfreuen. Und zugleich das Gewordene, das Bestehende wertschätzen - auch wenn es die Spuren der Zeit trägt und der Lack an manchen Stellen abgewetzt ist. Beides darf da sein. Das Bestehende trägt das Neue. Das Neue hat einen Ort, um sich zu entfalten. Und manchmal trägt das Bestehende gerade dann, wenn das Neue noch gar keine Kraft hat.
Als Pfarrerin und Christin vertraue ich darauf, dass Gott in Beidem ist: im Gewordenen und im Werdenden. Dass er auf unseren Wegen mitgeht - Schritt für Schritt. Und uns liebt – so wie wir sind, mit allem, was zu uns gehört und uns ausmacht.
Übrigens: Meine Mappe benutze ich - inzwischen leicht restauriert - immer noch.