Andacht am 17. Mai 2026: Kintsugi
Da liegt sie, meine Lieblingstasse in Scherben zerbrochen auf den Küchenfliesen. Grummelnd gehe ich zum Schrank und hole Kehrbesen und Blech hervor und beginne die Scherben vorsichtig zusammen zu kehren. Bloß nicht daran schneiden!
Nun liegen die Scherben auf meinem Kehrblech. Ich denke über mein eigenes Leben nach. Nicht alles ist wie im Bilderbuch verlaufen. Da gibt es Einbrüche und Krisen, mit denen ich umgehen musste. Dazu gehören persönliche Entscheidungen, die nicht immer richtig waren und mir Probleme bereiteten. Dann denke ich an Folgen der Wende, die langfristig berufliche Veränderungen mit sich brachte. Mir fallen gesundheitliche Einbrüche und Kontakte ein, die zerbrochen sind.
In der japanischen Kultur werden zerbrochene Tassen und Teller mit der Kintsugi-Technik wieder zusammengesetzt. Die Bruchlinien werden mit Goldstaub versehen und machen das Zerbrochene zu einem Unikat.
Als Jesus nach seinem Tod den Jüngern erscheint, zeigt er ihnen seine Wunden. Sie gehören zu seinem Leben. Das, was man ihm zugefügt hat, ist Teil seines Lebens geworden. Dazu gehört auch, dass ihn seine Familie - wenn auch aus Sorge - für verrückt erklärt hat. Dazu gehört, dass ihn einer seiner besten Freunde, Petrus, verleugnet hat. Alle diese Brüche gehören zu seinem Leben - aber er ist nicht daran zerbrochen. Er lebt!
Ja, auch mein Leben hat Bruchstellen, aber es ist mein Leben, echtes Leben. Wäre es unversehrt - ihm würde etwas fehlen. Ein echtes Kunstwerk. Manche Bruchstelle macht mir immer noch zu schaffen, das muss ich akzeptieren. Kraft dazu gibt mir die Verheißung der Bibel, dass Gott „die zerbrochenen Herzens sind“ (Ps 147,3) heilen wird. Auch wenn so mancher Bruch mich heute noch plagt, wird Gott dafür sorgen, dass ich daran nicht zerbreche.
Wo wir diese Brüche als Teil unseres einzigartigen Lebens akzeptieren anstatt zu verdrängen, können wir mit anderen Menschen mitfühlen und sie in schwierigen Momenten und Wendungen des Lebens verstehen.
Wir können Ihnen Trost spenden, weil sie mit ihrer Erfahrung, nicht alleine sind - und Hoffnung schöpfen, dass es weiter geht. Da entsteht eine berührende Nähe, die Halt gibt - und manchmal auch Heilung.
Von Pfarrer Thomas Schumann
Evangelischer Klinikseelsorger im SRH-Zentralklinikum Suhl