Rückblick und Abschied
Heißt es nun „viertel zehn“ oder „viertel nach neun“? Meine Zeitansagen lösten in den ersten Monaten meines Dienstes in Meiningen im Jahr 2011 Verwunderung und/oder Gelächter aus.
Die Zeitansage war die kleinste Neuerung, die ich erlebte. Es galt sich in das Aufgabenfeld einer Superintendentin einzuarbeiten, in einer Landeskirche, deren Regelwerk ich neu kennenlernte. Das Kennenlernen und in Teilen auch Mitgestalten des Regelwerkes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wurde zu einer Gemeinschaftsaufgabe im Kirchenkreis, denn auch zwei Jahre nach dem Start der EKM wurde in vielen Bereichen nach den Regeln der ev.-luth. Kirche in Thüringen gehandelt. Die Einführung des neuen Finanzsystems im Jahr 2012 stellte den Kirchenkreis vor große Herausforderungen - es fühlte sich an wie ein Motorwechsel während der Fahrt. Es folgten Strukturprozesse mit Erweiterungen/Veränderungen der Pfarrbereiche, Bildung von Regionen, Stellenbesetzungsverfahren, manche Konfliktfälle und zuletzt die große Strukturveränderung mit der Fusion der vier Kirchenkreise zum ev. Kirchenkreis Südthüringen zum 01.01.2026. Handlungsleitend für mich war immer: Was dient dem Evangelium der Menschenfreundlichkeit Gottes? Was dient dem kirchlichen Nahbereich, den Gemeinden, dem Pfarrbereich, also den Orten, in denen Menschen Gemeinschaft im Glauben erleben können? Den Kirchenkreis habe ich immer als eine dienende Organisationseinheit der Kirche verstanden. Er sorgt dafür, dass die finanziellen, personellen, organisatorischen Rahmenbedingungen bestehen und für theologische, pädagogische und sonstige Kompetenz gesorgt wird.
Ich habe diese Aufgabe als Superintendentin sehr gerne im Kirchenkreis Meiningen und seit dem Jahr 2022 auch für den Kirchenkreis Henneberger Land wahrgenommen. Die Zusammenarbeit mit so vielen Haupt- und Ehrenamtlichen habe ich als große Bereicherung erlebt.
Meinen Dienst habe ich immer vom Grundberuf der Pfarrerin her verstanden. Das Feiern vieler großer und kleiner Gottesdienste in fast allen Kirchengemeinden (im Kirchenkreis Henneberger Land war ich tatsächlich nicht in jeder Kirche zu einem Gottesdienst) war mir ein großes Anliegen. Unvergessen auch die Tauffeste, die Kirchenchortreffen, die Familiengottesdienste, Radio- und hybride Gottesdienste, das Sommerdorf in Meiningen, die Kirchenentdeckungstouren, die Konvente, Konzerte…
Gottes Wort in das „Hier und Heute“ sprechen lassen – das ist mir bei öffentlichen Zusammenkünften wichtig gewesen. Meistens wurde es dann politisch, d.h. es betraf die Polis, die (Stadt-) Gesellschaft: Bei der Schädigung der Atomkraftwerke in Fukushima, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, in der Corona-Krise, bei Jubiläen der diakonischen Einrichtungen, beim Holocaust-Gedenken, bei den Mahnwachen für Frieden und Gerechtigkeit. Nicht jeder und jedem hat es gefallen, aber das Bekenntnis zu Christus in Wort und Tat lässt sich nicht hinter Kirchentüren verstecken.
Beeindruckt hat mich in diesem Zusammenhang die ausführliche Berichterstattung durch die Presse. Das kannte ich aus dem Westen der Republik nicht.
Nun gehen fast fünfzehn Jahre mit viel Leben und Arbeit in Südthüringen zu Ende. Ich danke Gott für diese Zeit; ich danke für alle Begegnungen und alle Zusammenarbeit. Ich hatte einen wunderbaren Arbeitsplatz, zudem in kulturell und landschaftlich sehr reizvoller Umgebung. Ich sehe mich beschenkt und gesegnet.
So beschenkt verabschiede ich mich nun: Im Gottesdienst am 2.Advent, 16.00 Uhr, werde ich in der Meininger Stadtkirche von Regionalbischof Tobias Schüfer entpflichtet. Ich freue mich, wenn wir diesen Gottesdienst miteinander feiern - oder uns bei vielen Gelegenheiten in den nächsten Wochen sehen.
Auch wenn es noch vor Weihnachten wieder nach Südniedersachsen geht, ich komme gerne wieder zu Besuch.
Ihre/Eure Superintendentin Beate Marwede