Andacht: Mehr Gnade in einer gnadenlosen Welt
Ich wünsche mir mehr Gnade in einer zunehmend gnadenlosen Welt. Mich ärgert, wie Politiker oder Personen des öffentlichen Lebens teilweise für einen einzigen falschen Satz diffamiert und massiv beschädigt werden. Jeder urteilt sofort – hop oder top. Ein unbedachtes Wort reicht und die Karriere ist vorbei.
Woher kommt diese Gnadenlosigkeit? Ich glaube, ein Grund liegt darin, dass uns etwas verloren gegangen ist, das frühere Generationen stärker geprägt hat: der Glaube an Gott und ein Bewusstsein für die eigene Sündhaftigkeit. Die Menschen wussten, sie tun oft nicht das, was Gott von ihnen will.
Mir geht es wie dem Apostel Paulus, der schreibt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7,19) Kennen Sie das auch? Ich nur zu gut. Wenn wir uns klarmachen, dass wir Sünder sind, dann erkennen wir: Wir sind nicht so gut, wie wir gern wären. Wir bleiben auf Gnade angewiesen. Damit sitzen wir alle im selben Boot.
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat davor gewarnt, von Gnade zu sprechen, ohne die eigene Schuld im Blick zu haben. Sie wird dann leicht zur „billigen Gnade“, nach dem Motto: Ich bin okay, du bist okay. Die tiefere Wahrheit lautet jedoch: Ich bin nicht okay, du bist nicht okay – wir alle sind auf Gnade angewiesen.
Dieses Bewusstsein verändert den Blick auf andere. Es macht uns nachsichtiger. Dann sehen wir im Gegner nicht den zu vernichtenden Feind. Dann erheben wir uns nicht zur moralischen Instanz. Das ist gesellschaftlich wertvoll. Denn unsere Welt wird nicht besser durch laute Empörung, schnelle Verurteilung oder moralische Überheblichkeit, sondern durch mehr Gnade.
Christen schauen auf Jesus am Kreuz und vertrauen darauf: Unsere Schuld ist nicht das Letzte – Gottes Gnade ist es. Das feiern wir in der Karwoche, die vor uns liegt. Und wenn wir in Wasungen mit grünen Zweigen am Palmsonntag in die Kirche einziehen, folgen wir dem, der aus Liebe ans Kreuz geht – für uns.
Sebastian Schmuck, Vikar in Wasungen