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Andacht

zum 31. Dezember "Der Verlassenen Vater" von Pfarrer i.R. Thomas Perlick, Bad Brückenau (früher Römhild)

Ich bin ein Tröster. Das ist mein Amt. Die blutigen Knie sind bei mir am richtigen Ort, die Liebeskummerkästen ebenfalls. Die Tränen wische ich vom Boden. Auch bin ich der Klageweiber Liebster auf Zeit. Nur im Falle der Verlassenen geht es mir immer schief. Ich werde zum Trostlosen. Hilfe ist nicht zu erwarten, nicht von mir. Und doch, sagt man, gäbe es irgendwo der Verlassenen Vater. Ob er im Himmel wohnt oder auf Erden oder in Menschen, die auserwählt sind für dieses Amt? Vielleicht ist er das große Gottesgeheimnis in der kleinen Welt?

Der Verlassenen Vater sammelt den Jammer der Menschen in Körben aus Weidengerten und Erbarmen. Er rettet die entbundenen Leben. Denn der Mensch als Verlassener ist die riskanteste Nebenwirkung des Schicksals, ein Weggeworfener, eine halb gerauchte Zigarette, ein niemals vollendeter Brief. Verlassene treiben auf den Strömen des Lebens dahin wie luftleere, in der Mitte geknickte Bälle, einfältig sozusagen.

Da ist, nur als Beispiel, als jammervolles Exempel, dieser Amtmann, ein hagerer, selbststolzer Staubfänger, immer adrett gekleidet und gesinnt. Alles ordnet er zielsicher seinem Karteikastenleben unter, auch seine farblose Ehe. Greifbar müssen die Dinge sein und ihren festen Platz haben. Der Wecker in Halbarmlänge auf dem Nachttisch, die aktuelle Zeitung im Ständer immer ganz vorn, und die Frau Gemahlin am Samstagabend nackt in den Kissen, wenn der Amtmann dampfend aus der Wanne kommt, gemessenen Schrittes. Ein Herr, der Doppelhaushälften liebt, den Veränderungen martern und dem alles Spontane die Grundfesten der Welt bedroht. Das ganze Leben ein gut sortiertes Büro. Ein Kauziger, der niemals ausstirbt und immer aus der letzten Zeit in die nächste hinüber ragt. So tropft des Amtmanns Honigleben süß, aber zähflüssig dahin.

Bis eines Tages unvermittelt und unangekündigt seine Gattin nach neunundzwanzig eheähnlichen Jahren flieht. Sie hinterlässt einen zweiseitigen Brief, der des Amtmannes gewesenes, gegenwärtiges und zukünftiges Leben gnadenlos vernichtet. Plötzlich fällt der Gatte als sein eigenes Kartenhaus in sich selbst zusammen. Der Reinliche irrt schmutzig durch die Räume, in denen nichts mehr greifbar ist und alles seinen Platz verloren hat. Selbstvergessen trampelt er auf verschmierten Brotresten und zerknitterten Kontoauszügen herum und wirft sich halbe Sätze zu. Ein hohles Wesen, wie eine ausgenommene Ente im Topf, ein von allem Trost Verlassener. Selbst der Tod geht gnädiger mit seinen Opfern um.

Da ist des Weiteren, nur als Beispiel, als jammervolles Exempel, die vergessene Schöne, in ihre späteren Jahre gekommen. Man hat ihr ein halbes Leben lang die heißesten Schwüre ins Ohr geflüstert. Noch vor wenigen Monden konnte sie mit tiefen Blicke zielsicher vernichten oder verschonen, verstoßen oder begnadigen. Sie hat sich niemals der Kleidung der Zeit anpassen müssen. Es war immer umgekehrt. Wer an ihr vorbeiging, verbog sich wie ein schiefer Baum, um sie noch einmal, rückwärtig, zu sehen. An schönen Gefährten hatte sie niemals Mangel, Herren mit Ambitionen, Aufstreber.

Plötzlich kommt sie in die Welkjahre mit all der Faltigkeit und dem entstrafften Leib. Eine Verlassene der Erwählung, die allenfalls noch Mitleid sieht in den Spiegelaugen der anderen, die schlimmste Form der Abwendung vom Glanz heller Tage. Das Versinken der Schönheit ist die grausamste Form des Zurücklassens. Sie tötet langsam. Sei säumt die Straße mit verlebten Opfern.

Und dann der Kleine, nur so als Beispiel, als jammervolles Exempel. Der Kleine, gerade noch Embryo, gerade noch nabelverschnürt ans Leben.

Jetzt aber in Windeln gewickelt und in einem Abfallbehälter liegend irgendwo an der Autobahn, vom Vater verleugnet, von der Mutter furchtsam verstoßen. Ein übersehener Findling an der Rennstrecke des Lebens, ein Weggeworfener. Längst von eiligen Ahnungslosen mit Papier, Büchsen und Bananenschalen dreifach beworfen wie das Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub ist auch genug hier. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder gefunden werden und auferstehen, oder dem Leben entgehen, erstickt unter zu viel Restmüll und am Ende namenlos in den Schlund einer kreischenden Müllschnauze geworfen. Verstoßen, entsorgt, verlassen.

Aber nun kommt wie ein trotziges Exempel der Fernfahrer Müller dem Rastplatz entgegengerollt, auf seine älter werdende Blase fluchend, die keine zweihundert Kilometer mehr durchhält. Es ist schon ein Kreuz mit dem Ermüden des Leibes. Die Augen lesen nur noch großes Schrifttum, das Haar wird schütter und mit der Liebe ist es auch mühsam. Und nun noch die Prostata, dieser Mannesfluch. Aber es hilft nichts, Herr Müller fährt ab. Der Tag wird sich wieder strecken unter diesem pressenden Teufel. Herr Müller läuft zum Häuschen. Es sind ja nur noch zwei Jahre bis zum Garten im Sommer und den Kreuzworträtseln im Winter. Keine erflehten Ausfahrten mehr, die Wasserspülung immer in Schrittnähe, der Wecker totgestellt und die Briefmarkensammlung endlich zueinander geordnet: Ruhestand, na ja, hoffentlich nicht so ganz.

Herr Müller greift in die Jackentasche und findet den Lottoschein der letzten Woche. Wieder nichts, wie immer bisher. Nur dieser verpassten Chance wegen läuft Herr Müller zum Abfallkorb. Er möchte auf schnellstem Wege eine Hoffnung für sechs Euro entsorgen. Als Herr Müller bei dem Behältnis ankommt, hört er ein Wimmern, sehr verzagt, sehr leise.

„Alle Wetter“, murmelt er. „Da hat doch einer seine Katze in den Müll geworfen. Herzloses Pack aber auch!“

Herr Müller greift mit einem kleinen Ekel in das halb gefüllte Behältnis.

„Aber das ist doch...!“, murmelt er entsetzt und zieht das Bündel behutsam nach oben.

„Gott im Himmel“, flüstert Herr Müller, der doch nur noch aus Versehen in der Kirche ist. Er hält den Kleinen im Arm, dessen Gesicht grau ist von der Asche, die man in ganzen Bechern über ihm ausgeschüttet hat. Am linken Ohr klebt Senf, ein schmutziger, gelber Batzen. Auf dem Bauch heftet ein zufällig dorthin gesunkenes rotes Preisschild: Neunundneunzig Cent.

„So viel bist du also wert“, sagt Herr Müller traurig. „Nicht mal einen Euro!“

Herr Müller zieht ein Handy aus der Tasche und drückt die 110.

„Und nun machen wir dich fein, mein Prinz! So kommst du mir nicht in die Öffentlichkeit.“

Herr Müller zieht sein geblümtes Taschentuch aus der Hose, vom Großvater geerbt und in den Ausmaßen einer kleinen Nationalflagge. Vorsichtig säubert er das winzige Gesicht: Die Däumlingsnase, das Senfohr und die Stirn. Herr Müller sieht eine schöne Dame mit Baby zum Wickelraum eilen, bittet um eine Windel, bekommt zwei und stellt fest, dass er noch nichts verlernt hat seit den Nesttagen der eigenen Brut.

„Schau an!“, sagt Herr Müller vergnügt. „Du bist ja tatsächlich ein Männlein!“

Als der Streifenwagen auf den Parkplatz fährt, sitzt Herr Müller eingesunken und ein bisschen windschief auf der Wiese, den Däumling im Arm. Er hat seine Lenkzeiten längst vergessen. Der Kleine ist gesäubert und gewindelt, aber das Schildchen hat Herr Müller nicht entfernt, die neunundneunzig Cent in Rot. Es taucht später in den amtlichen Papieren auf. Am Rande, versteht sich, nur am Rande. Das Wesentliche wird wieder fehlen, wie in deutschen Protokollen üblich: Es sind zwar allerhand Personaldaten eines gewissen Müller verzeichnet, das vorgerückte Alter und sogar die Begründung des Pausierens. Von Beruf Kraftfahrer, auch das natürlich. Aber das Wichtigste, das Rettende fehlt: Von Berufung – der Verlassenen Vater. Gottes großes Geheimnis in der kleinen Welt.

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