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20 Jahre Hospizverein „Emmaus“ in Hildburghausen

Am 13. Juni 2026 – es war der Sonnabend vor dem 2. Sonntag nach Trinitatis – fand die Jubiläumsandacht des Hildburghäuser Hospizvereins „Emmaus“ statt. Die Christuskirche am Immanuel-Kant-Platz wurde an diesem Nachmittag zum Treffpunkt der Vereinsmitglieder und vieler interessierter Menschen, die sich dem wichtigen Dienst der Begleitung bis an das Ziel des Lebens und darüber hinaus verbunden wissen. Einige unterstützen die Arbeit des Hospizvereins finanziell, andere lassen sich ausbilden und qualifizieren, um Menschen auf ihrem letzten Weg beizustehen – unabhängig davon, ob Angehörige vorhanden sind oder nicht.

Die Andacht um 14 Uhr hinterließ einen tiefen Eindruck. Chormusik spielte eine zentrale Rolle, und die festliche Illumination des klassizistischen Gotteshauses von 1783 verwandelte den Raum in eine Szenerie von beinahe überirdischer Schönheit. Der gesamte Chorraum war von einer Installation erfüllt, die zugleich schlicht und überwältigend wirkte. Hunderte liebevoll gestalteter Blätter schwebten an nahezu unsichtbaren Fäden durch den Raum. Lindenblätter waren darunter, Eichenblätter, Ahorn, Erle, Esche und Ginkgo. Für jeden Menschen, der während der zwanzigjährigen Geschichte des Vereins begleitet worden war, hatte man ein eigenes Blatt geschaffen. Dank einer kunstvoll erdachten Anordnung schienen sie frei im Raum zu schweben und bildeten ein stilles Gewölbe des Erinnerns.

Den einzelnen Menschen als ein von Gott beschriebenes Blatt zu verstehen – dieser Gedanke wurde den noch Lebenden beinahe unausweichlich vor Augen geführt. Wer Sinn für die Tiefenschichten des Daseins besitzt, konnte sich unter diesem unbewegten Blättertanz selbst als ein solches Blatt begreifen: als eine Botschaft der Ewigkeit, die sich im Laufe eines Lebens langsam entfaltet und beschreibt, während zugleich eine größere, geheimnisvolle Hand Zeile um Zeile daran weiterschreibt.

Unwillkürlich erinnerte die Installation an Rilkes berühmtes Gedicht:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Von hier aus führen die Gedanken beinahe von selbst weiter zu den uralten Liedern Israels:

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott
und mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.“

Der Mensch als beschriebenes Blatt – Rilke und der achte Psalm reichen einander hier über die Jahrhunderte hinweg die Hand.

Je älter man wird, desto dringlicher stellt sich die Frage nach dem Grund dieser Hoffnung. Wer die sechzig überschritten hat, die siebzig hinter sich ließ und sich schließlich den achtzig oder neunzig nähert, wird mit einer gewissen Beharrlichkeit daran erinnert, dass die Organe jenes Körpers, den man einst für nahezu unverwüstlich hielt, allmählich ihren Dienst aufkündigen. Sie scheinen sagen zu wollen: „Es genügt.“

Gerade dann braucht der Mensch Gedanken, die tragen. Gedanken, die belastbar genug sind, um den Blick auf jene unbekannte Landschaft zu richten, die jenseits unserer Erfahrung liegt. Die wenigen Menschen, die von Nahtoderfahrungen berichten können, bilden hier eher die Ausnahme als die Regel. Die meisten von uns müssen lernen, sich dem Gedanken eines Übergangs anzuvertrauen: hinüberzuwechseln in jenes unbekannte Land, das die Griechen Elysium nannten, jene asphodelischen Wiesen, auf denen alles möglich scheint.

Vielleicht wartet dort ein Gericht. Vielleicht eine Klärung aller Dinge. Vielleicht auch eine Barmherzigkeit, die größer ist als unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit. Und vielleicht geschieht am Ende genau das, was eine alte Legende erzählt: Dass Gott den verunsicherten Seelen, die orientierungslos vor ihm stehen, freundlich zuruft:

„Geht spielen, Kinder. Geht spielen!“

Leider musste die kunstvolle Blätterinstallation unmittelbar nach der Andacht wieder abgebaut werden. Bereits am folgenden Tag benötigte ein großes Posaunenchorereignis den Kirchenraum für eine andere Gestaltung. Wer sich die Mühe vor Augen führt, die nötig war, um all diese Blätter anzufertigen, aufzuhängen und später wieder abzunehmen, gewinnt eine Ahnung von der Arbeit der vielen freiwilligen Hände, die meist unsichtbar bleiben. Es sind jene Menschen, die vorbereiten, nachbereiten, aufbauen, abbauen und dadurch überhaupt erst ermöglichen, dass ein Kirchenraum zu einem Ort gemeinsamer Erinnerung werden kann.

Die wunderbar restaurierte Christuskirche erschien an diesem Nachmittag beinahe wie ein Theaterraum im besten Sinne des Wortes. Herzog Georg II., dessen Name mit der großen Theatertradition Thüringens verbunden bleibt, hätte seine Freude daran gehabt. Denn hier handelte es sich um weit mehr als Dekoration. Hier war ein Gedanke sichtbar geworden.

Und so drängt sich ein Wunsch auf: Diese Blätter noch einmal zu sehen. Vielleicht am Ewigkeitssonntag. Vielleicht über dem versammelten Gottesvolk schwebend, während die Eucharistie gefeiert wird. Jene Feier, von der die Liturgie sagt, dass sie gemeinsam mit Engeln und Erzengeln begangen wird. Im Sanctus erinnern wir uns daran.

Es wäre schön, wenn sich eine Möglichkeit fände, diese Blätter noch einmal über uns versammelt zu sehen. Vielleicht wären dann einige hinzugekommen. Denn wir sind Sterbliche. Das ist wahr.

Doch damit ist über den Menschen noch nicht alles gesagt.

Wir sind zugleich jene Geschöpfe, die – wie der Psalm sagt – nur wenig niedriger gemacht wurden als Gott. Deshalb trägt die Hoffnung auf Unsterblichkeit keinen fremden Gedanken in unser Leben hinein; sie entfaltet vielmehr etwas, das von Anfang an in ihm verborgen lag.

Und wenn die Musik erklingt, wenn Stimmen und Instrumente den Raum erfüllen, dann schrumpft die Entfernung zwischen Himmel und Erde auf ein kaum noch messbares Maß zusammen. Dann ist es manchmal nur ein einziger Schritt vom Glauben-Wollen zum Glauben-Können.

https://tagundwerk.home.blog/2026/06/14/20-jahre-hospizverein-emmaus/

 

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